Für das Jahr 1962 hat der ADAC bei den Bayerischen Motor-Werken in München eine Charge von 40 Straßenwacht-Gespannen vom Typ BMW R 60/2 zum Stückpreis von 2.859 DM zuzüglich Steuer geordert. Was zum Zeitpunkt der Bestellung noch keiner ahnte: es sollten die letzten Gespanne im Dienste der ADAC Straßenwacht sein. Ende 1962 beschloss der ADAC, die Straßenwacht Schritt für Schritt auf „Wagen“ umzustellen. Genau diesem Umstieg ist es zu verdanken, dass das Gespann mit der Fahrzeugnummer 328 überlebt hat - und das in bemerkenswert originalem Erhaltungszustand.
Am 5. Mai 1962 treten acht junge Männer aus dem gesamten Bundesgebiet ihren Dienst bei der ADAC Straßenwacht an und versammeln sich dafür in der ADAC Hauptverwaltung in München zum Einstellungslehrgang. Einer von Ihnen ist der 30-jährige KFZ Schlosser Karl Heinz Flick aus dem niedersächsischen Bückeburg, der der erste Fahrer der Nr. 328 werden sollte. Die acht hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits gegen eine Vielzahl von Mittbewerbern durchgesetzt und mussten beweisen, dass sie neben fachlichen Kenntnissen, auch über geschliffene Umgangsformen, einen einwandfreien Leumund und die für den Straßenwacht-Dienst auf dem Gespann erforderliche körperliche Verfassung verfügen. Im Rahmen des Lehrganges werden die Herren eingekleidet und ihnen neben organisatorischen Vorgehensweisen auch die letzten Kniffe zum Thema Elektrik und Vergaser beigebracht. Aber auch erste Hilfe und der Umgang mit dem schweren BMW-Gespann werden geübt. Laut Kommissionsbuch der Bayerischen Motoren Werke AG in München wurde das Gespann mit der Nr. 328 am 4. Mai fertiggestellt. Vier Tage später wird der KFZ Brief No. 4036449 durch die Bayerische Motoren Werke Aktiengesellschaft, München 13 ausgestellt und die R60/2 am 10. des Monats an den ADAC ausgeliefert. Die Zulassung auf den ADAC e.V., Straßenwacht, Königinstr. 11a in München 22 unter dem amtlichen Kennzeichen M - TA 275 erfolgt am 14. Mai. Die mit einem speziellen Lastenseitenwagen der Firma Royal und einem speziellen Windschild montierte Maschine wird in der Folge zum Pannenhilfsfahrzeug aufgerüstet. Am ersten Juni, also gegen Ende des Lehrganges, darf Flick das Pannenhilffsgespann übernehmen. Die Maschine ist brandneu und wie noch heute im Bordbuch nachzulesen, bestätigt er die Entgegenahme des Gespannes in einwandfreiem Zustand und mit vollständiger Ausrüstung, bei einem Tachostand von 36 Kilometern.
Nach erfolgreichem Abschluss des Straßenwachtlehrganges in München überführt Flick das Gespann auf eigener Achse nach Bückeburg. Wie oft er auf dem Weg nach Bückeburg einem Havaristen Hilfe leisten muss und wie lange sich die Überführung dadurch in die Länge gezogen hat, ist leider nicht überliefert. Jedenfalls nimmt er direkt nach seiner Heimkehr den Patrouillendienst entlang der Autobahn A2 auf. Dort erfolgt ein intensiver Einsatz der Maschine, sodass bereits im Oktober 1962 - bei einem Tachostand von 22.450 km - die erste Motorüberholung notwendig wird. Diese wird bei BMW Uhe an der Hannoverschen Straße in Bückeburg durchgeführt. Im August 1963, also knapp 14 Monate nachdem er das Gespann übernommen hat, zeigt der Kilometerzähler bereits eine Laufleistung von 49.000 km. Dieser Tachostand wird im Bordbuch vermerkt, als Flick die BMW in München zurückgibt. Zu diesem Zeitpunkt darf er das Gespann im Zuge des 1962 beschlossenen Umstiegs der ADAC Straßenwacht auf Wagen gegen einen „VW Standard“, wie der Käfer damals genannt wird, tauschen. Ein Bild, das Flick mit seinem ADAC Käfer zeigt, konnte bisher leider nicht gefunden werden. Falls Sie über ein solches Foto verfügen, wären wir über eine Nachricht an klassik@adac.de sehr erfreut. Das Gespann 328 wird an Rolf Aschendorf aus Berlin weitergegeben, der am 26. August seinen Straßenwachtlehrgang in München angetreten hat. Aschendorf setzt das Gespann in der Folge im Stadtpannendienst in Berlin ein. Aus dieser Zeit datieren die ältesten Bilder, auf denen sich die Maschine zuverlässig identifizieren lässt:
Aschendorf fährt das Gespann bis zum 23.06.1965. Mit einer Gesamtlaufleistung von 61.414 km gibt er die BMW ab. Vermutlich darf auch er zu diesem Zeitpunkt auf einen Straßenwacht-Käfer wechseln. Diesmal wird das Gespann aber nicht nach München beordert und dort einem weiteren Neuling anvertraut. Stattdessen ist im Bordbuch die Fahrzeug-Übernahme durch die ADAC Straßenwacht Gruppe Berlin, unterzeichnet durch den Inspektor Adolf Bätz, vermerkt.
Die Maschine wird aber auch vor Ort in Berlin keinem neuen Fahrer zugeordnet, sondern als Ersatz zurückgehalten, falls ein anderes Pannenhilfsfahrzeug ausfällt. Durch diese Entscheidung ist die Maschine ihrem sicher geglaubten Schicksal, mit hoher Laufleistung endgültig zerschlissen ausgemustert zu werden, erst einmal entgangen. Am 07.07.1965 wird der Originalmotor mit der Nummer 623947 durch die Nummer 621307 ersetzt. Gleichzeitig wird die Leistung von 30 PS bei 5800 U/min auf 28 PS bei 5600 U/min geändert. Der Eintrag erfolgt durch die „Technische Prüfstelle für den Kraftfahrzeugverkehr an der Technischen Universität Berlin”. Bereits zwei Wochen später wird das Gespann ausgemustert. Die Außerbetriebsetzung des Fahrzeugs wird in den Fahrzeugpapieren durch das “Amt für öffentliche Ordnung München” vermerkt. Glücklicherweise wird das Gespann jetzt aber nicht veräußert oder als Teilespender für die sich noch im Einsatz befindenden Gespanne zerlegt, sondern bleibt in Berlin. Dort wird die Maschine laut Kontrollbericht für „Ausstellungen und Sonderdienste“ verwendet. Der Berliner Oberinspektor Erik Reimelt regt im Jahr 1982 an, das Gespann als Leihgabe an das Museum für Verkehr und Technik in Berlin zu verleihen. Alois Stiegler, Leiter der Fuhrparkverwaltung in München, sendet in der Folge einen Leihvertrag. Daraufhin anwortet das Museum, dass momentan leider kein Platz für die Maschine zur Verfügung steht. Danach nimmt sich Straßenwacht-Oberinspektor Fritz Hosmann aus Kronshagen bei Kiel der Maschine an.
Hosmann, der auch die in der Sammlung des ADAC befindlichen Motorräder “Royal Ruby 8 hp” und “Hildebrand und Wolfmüller” restauriert hat, ist Motorradenthusiast, Träger der Ewald-Kroth-Medaille und itglied im Veteranen-Fahrzeug-Verband (VFV). Er hat seinen Dienstsitz am Straßenwacht-Stützpunkt in Neumünster, wo die Maschine stationiert wird und von wo aus er in den folgenden Jahren kleinere Ausbesserungsarbeiten an der Maschine beauftragt. Im Jahr 1989 lässt Hosmann den Seitenwagendeckel von der Fa. Autolackierung Langbehn in Neumünster zweifarbig lackieren und vermerkt auf der Rechnung, dass die Maschine danach zur Ausstellung in Hamburg steht. Scheinbar wechselt die Maschine dann zumindest zeitweise nach Hannover, wo sie Gerhard Vogel, Straßenwacht-Inspektor aus Hemmingen, Anfang der 1990er Jahre fotografiert.
Im Anschluss wird die Maschine wieder zurück nach Neumünster verlegt. Die Hannoveraner Kollegen geben die Maschine scheinbar aber nur ungern ab und machen sich deshalb auf die Suche nach einem dauerhaften Ersatz, über den wir an anderer Stelle noch genauer berichten werden. Die Maschine ist mittlerweile direkt Gerhard Pape, dem Regionalleiter Nord, unterstellt. Pape, der als junger Ingenieur auf dem Bild des Straßenwachtlehrganges vom Mai/Juni 1962 zu sehen ist, war in München in der Abteilung Straßenwacht der ADAC Hauptverwaltung mitverantwortlich für den Aufbau des ADAC Prüfdienstes und der Stadtpannendienste mit ADAC eigenen Funkanlagen. Zurück in der Heimat, bekleidet er seit dem 15. Januar 1967 das Amt als Gebietsleiter Nord.
Danach zieht die Maschine wieder nach Hamburg um und ziert dort am Straßenwacht-Stützpunkt Hamburg-Bergedorf den Eingangsbereich. Leider trüben einige Fehlstellen den Gesamteindruck des Schmuckstückes. Anfang 2025 ergibt sich die Chance, diese Fehler zu beheben. Hardy Leben, Oldtimer-begeisterter ADAC Straßenwachtfahrer aus Hamburg, muss in seiner Funktion als Betriebsrat im Laufe des Jahres mehrfach nach München. Leben, der in seiner Freizeit als „how2roadtrip” Langstreckenrallyes betreut, erklärt sich bereit, die Maschine im Frühjahr nach München und im Herbst wieder zurückzubringen. Bei der sorgfältigen Bestandsaufnahme in München fallen weit mehr Probleme auf, als ursprünglich vermutet: Unkorrekte Logos und Schriftzüge, eine völlig verbastelte Elektrik, anachronistische Anbauteile, zerbröselte Gummiteile, korrodierte Oberflächen, der Beiwagenkotflügel ist an mehreren Stellen durchgerostet, Fehlteile und Kabel, die vor Jahrzehnten mit Isolierband geflickt wurden, welches sich mittlerweile in eine klebrige Masse verwandelt hat. Aber auch positives fällt auf: Beim Adler-Logo vorne am Beiwagen handelt es sich um ein originales Abziehbild. Insgesamt befindet sich die Maschine in bemerkenswert originalem Zustand, selbst die handgemalte Fahrzeugnummer 328 am hinteren Kotflügel ist noch erhalten. Deshalb wird bei der folgenden Aufarbeitung besonders Wert auf den Erhalt der Originalsubstanz gelegt und versucht, die authentischen Gebrauchsspuren zu erhalten. Im ersten Schritt kümmert sich Stephan Storck von der Firma S2 Fahrzeugaufbereitung in Kissing um eine Grundreinigung, Er säubert und poliert alle Oberflächen und entfernt die nicht zeitgenössischen Schriftzüge. Für Blech und Technik wurde erneut Hans Keckeisen aus Friedberg-Heimatshausen gewonnen, der sich auch bereits den Gespannen mit den Nummern 59, 63 und 144 angenommen hat. Schriftzüge und Logos wurden durch Immo Müller von mWorx, der auch aktuelle Straßenwachtfahrzeuge beschriftet, in Schriftbild und Position perfekt nachgebildet und an der Maschine aufgebracht, wofür die Kollegen der Straßenwacht in Landsberg ihren Schulungsraum zur Verfügung gestellt haben.
Nach Abschluss der Arbeiten wird das Gespann noch einmal von Stefan Storck aufbereitet, bevor Hermann Dörre von Dörre Fotodesign das Ergebnis der Bemühungen im Fotostudio professionell in Szene setzt. Im Herbst 2025 transportiert Hardy Leben das Gespann zurück nach Hamburg, wo die Maschine wieder ihren angestammtem Platz im Eingangsbereich der Pannenhilfezentrale Nord in Hamburg-Bergedorf ziert. Die ADAC Regionalclubs und die ADAC Zentrale haben zahlreiche weitere Oldtimer-und Youngtimerfahrzeuge bewahrt. So manches kostbare Exponat dient heute als reines Ausstellungsstück, doch einige Oldies sind auch noch voll fahrbereit und können bei ADAC Oldtimerveranstaltungen bewundert werden.