DRM·8.12.2023

Co-Pilot Frank Christian sagt Julius Tannert, wo es langgeht

Frank Christian teilte in der DRM-Saison 2023 mit Julius Tannert das Cockpit eines Škoda Fabia RS Rally2. Das Duo stand in diesem Jahr mehrfach auf dem Podium, gewann die ADAC Rallye Erzgebirge und wurde in der Gesamtwertung Zweiter. Im Interview erklärt der 39-jährige Co-Pilot seine Aufgaben, was das „Gebetsbuch“ ist und wie man die Geheimschrift liest.

Die „Geheimschrift“ von Frank Christian © Foto: ADAC

Was sind deine Aufgaben als Beifahrer? Die sind sehr breit gefächert, denn der Beifahrer ist eigentlich für fast alle administrativen Tätigkeiten verantwortlich. Bei einigen Teams gibt es auch einen Teamkoordinator, der dem Beifahrer ein paar Dinge abnimmt. Das fängt mit der Nennung an und geht mit den Hotelbuchungen weiter. Außerdem muss man als Co-Pilot stets den kompletten Ablaufplan im Kopf haben und koordinieren, dass alle zur rechten Zeit am richtigen Ort sind. Am Wochenende kümmere ich mich darüber hinaus noch um die Dokumentenabnahme und die technische Abnahme des Fahrzeugs. Zusätzlich ist man als Beifahrer für die Erstellung des „Aufschriebs“, also der Anweisungen für den Fahrer zuständig.

Wie genau wird der Aufschrieb angefertigt? Laut Reglement darf man die Strecken vor der Rallye zweimal befahren. Beim ersten Mal erstellen wir das „Gebetsbuch“. Da diktiert der Fahrer dem Beifahrer, wie er die Strecke sieht, wie sie am besten zu befahren ist und wo es langgeht. Im zweiten Umlauf wird dann nochmal kontrolliert, ob alles passt. Hier liest der Beifahrer die Notizen vor und der Fahrer prüft, ob man die Anweisungen so umsetzen kann.

Wie ist der Aufschrieb aufgebaut? Das Ziel ist immer, so sicher und so schnell wie möglich die Prüfungen zu bewältigen. Deshalb ist es entscheidend, dass die Informationen äußerst präzise notiert werden. Ein Aufschrieb setzt sich aus Meterangaben von einer Kurve bis zur nächsten, dem Kurvenradius sowie Besonderheiten der Strecke zusammen. Die Entfernungen werden mit einem „Tripmaster“ genauestens gemessen. Die Gerade vor der nächsten Abzweigung ist zum Beispiel 80 Meter lang. Also schreibe ich mir eine „80“ auf. Dann notiere ich den Kurvenradius und die Richtung. In Deutschland ist die „Schärfe“ der Abbiegung von eins bis sechs gestaffelt. Eins ist eine sehr enge und langsame Kurve und sechs eine sehr schnelle, die quasi mit Vollgas gefahren werden kann. Außerdem ist es entscheidend, die Besonderheiten bei der Streckenbeschaffenheit zu notieren. Darf man die Kurve schneiden? Kommt eine Kuppe? Ist es besonders rutschig? Steht am Kurvenausgang ein Baum?

Welche Vokabeln gibt es bei den Ansagen? Was bedeuten diese? Wir benutzen hauptsächlich englische Begriffe. Die sind präziser und kürzer. Es dauert länger „links zwei schneiden“ zu sagen, also „links zwo cut“. Statt „nicht schneiden“, sagen wir einfach, „don´t“, denn das geht viel schneller und ist einfacher auszusprechen. Dadurch kann man viel mehr Informationen in kurzer Zeit an den Fahrer übermitteln. Ich würde also sagen „Links fünf plus, dont slip“ und der Fahrer wüsste: schnelle Kurve, rutschig, nicht schneiden. Würde man das nicht abkürzen, könnte man bei den hohen Geschwindigkeiten gar nicht alle Informationen rechtzeitig übermitteln.

Sind die Vokabeln immer gleich, oder je nach Fahrer unterschiedlich? Das ist grundsätzlich schon einheitlich. Trotzdem muss man sich immer auf den Fahrer einstellen, denn im Detail sind doch wieder alle anders. Das äußert sich zum Beispiel in abweichenden Begriffen. Vor allem aber erwartet jeder Fahrer eine unterschiedliche Menge an Informationen. Manche Piloten konzentrieren sich voll aufs Fahren und die Strecke und brauchen aus diesem Grund weniger Input. Andere benötigen dagegen mehr Details, weil sie sich im Vorfeld schon darauf einstellen wollen, was auf sie zukommt. Das heißt, einige verlassen sich lieber auf ihre eigenen Sinne, während andere gar nicht genug Informationen erhalten können.

In der Gesamtwertung wurden Julius Tannert und sein Co-Pilot Zweiter © Foto: ADAC

Was genau schreibst du auf? Stehen dort exakt die Kommandos, die du durchgibst, oder „übersetzt“ du deine Anweisungen für den Fahrer? Ich schreibe mir die Informationen so kurz und knapp wie möglich auf und nutze dafür sogar meinen eigenen „Hieroglyphen“. Ich habe da tatsächlich eigene Vokabeln und Symbole. Geschwindigkeit ist sowohl beim Aufschreiben als auch beim Vorlesen entscheidend. Denn wenn du die Prüfungen beim „Recce“ abfährst, musst du in der Lage sein, relativ viele Informationen in kurzer Zeit aufzuschreiben. Wenn du alles als Text aufschreibst, verfasst du ein halbes Buch und kommst weder beim Schreiben noch beim Lesen hinterher. Deswegen hat jeder Beifahrer eine eigene Technik entwickelt. Für die Kurvenrichtung notiere ich nur den Anfangsbuchstaben. Dahinter folgt der Kurvenradius mit einer Ziffer zwischen eins und sechs. Falls der Radius zwischen zwei Stufen liegt, füge ich noch ein Plus oder Minus hinzu. Symbole nutze ich zusätzlich, um Besonderheiten zu notieren. Ich male zum Beispiel einen kleinen Baum, wenn am Kurvenausgang ein Baum steht. Eine Kuppe wäre zum Beispiel ein geschwungener Bogen nach oben. Das ist eigentlich fast wie eine Geheimschrift.

Wie behältst du beim Fahren den Überblick? Woher weißt du immer genau, wo du bist? Das lernt man mit der Zeit. Ich mache das seit 23 Jahren und habe natürlich inzwischen viel Routine. Durch die Erfahrung gewinnt man Selbstvertrauen und spürt, was das Auto gerade macht. Deshalb schaut man dann immer weniger nach oben, weil man fühlt, was aktuell los ist. Denn wenn du eine Rechtskurve fährst, dann drückt es dich nach links in den Sitz. Bei einer Kuppe wird man noch oben in die Gurte gedrückt. Du spürst, wie stark der Pilot bremst und so weiter. Aus diesem Grund weißt du, wie weit der Fahrer ist und was du vorlesen musst. Diese ganzen Empfindungen durch die Fliehkräfte bringst du in Einklang mit deinen Notizen und musst deswegen kaum noch auf die Strecke schauen. Bei einer langen Gerade kann man sich dann zusätzlich zwischendurch visuell absichern.

Du musst ständig abwechselnd auf den Zettel und auf die Strecke schauen. In welchem Verhältnis stehen lesen und gucken? Das kommt total auf die Strecke an. Bei den deutschen Rallyes gibt es viele Geraden, da kann man deutlich häufiger nach oben schauen. Ich sehe durch meinen Aufschrieb, wie weit es bis zur nächsten Kurve ist. Bei einer 100 Meter langen Strecke ohne Richtungsänderungen hat man genug Zeit dafür. Wenn du aber permanent Ansagen machen musst, bleibt hingegen gar keine Zeit, um die Augen vom Papier zu nehmen. Bei solchen Rallyes ist das subjektive Empfinden umso wichtiger.