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ADAC MX Masters·23.5.2026

Ken Roczen: das wahrgewordene deutsche Motorsport-Märchen

Es ist eine Geschichte, die eine Hollywood-Verfilmung wert wäre: Am 9. Mai 2026 wurde Ken Roczen amerikanischer Supercross-Champion in der 450ccm-Klasse. Dieser Titel gilt als der heilige Gral des Dirtbike-Racings. Die Wurzeln von Roczens professioneller Karriere reichen 20 Jahre zurück, als er im Rahmen des ADAC MX Masters Champion der 85ccm-Klasse wurde. Sein Weg war geprägt von Höhen und Tiefen, kaum überwindbaren Rückschlägen und großen Hindernissen. Zwischenzeitlich glaubte Roczen selbst nicht mehr daran, jemals den Titel in der Königsklasse gewinnen zu können – und erreichte ihn dennoch. Kaum ein Motorsportler verkörpert eine derart inspirierende Geschichte wie Ken Roczen.

Ken Roczen wurde am 29. April 1994 im kleinen thüringischen Ort Mattstedt geboren. Schon früh galt er als Ausnahmetalent – und erfüllte die Erwartungen, die damit einhergehen, eindrucksvoll. 2011 wurde er der jüngste Motocross-Weltmeister aller Zeiten. 15 Jahre später schrieb er mit dem Gewinn der AMA Supercross-Meisterschaft erneut Geschichte: Mit 32 Jahren wurde er nicht nur der erste deutsche Champion der Serie, sondern auch der älteste Titelträger in der Geschichte der Meisterschaft.

Der Pakt zur Profikarriere

Im zarten Alter von drei Jahren begann Ken Roczen mit dem Motocross-Sport. Trainiert von seinem Vater Heiko machte Roczen bereits früh auf sich aufmerksam und fiel als großes Talent auf. Üblicherweise werden Sponsorings für ein oder zwei Jahre abgeschlossen, doch bei Roczen entschieden sich die Motorsport-Verantwortlichen von Red Bull, Fox und Suzuki Deutschland dazu, gemeinsam langfristig in seine Entwicklung zu investieren. Wolfgang Thomas, der damalige Chef von Fox Deutschland, erinnert sich: „Dietmar Lacher hatte mir bereits von Kenny erzählt. Auch Helmut Wahl von Red Bull Deutschland hatte ihn schon als potenzielles Talent im Blick. Gemeinsam sind wir dann zu Bert Poensgen, dem Chef von Suzuki Deutschland, gegangen, um ihn unsere Idee einer gemeinsamen langfristigen Förderung zu erzählen. Bert war direkt offen dafür und so sicherten wir uns gegenseitig die Zusammenarbeit für die nächsten Jahre zu.“

Dieser mündlich besprochene „Pakt“ ebnete den Weg für eine professionelle Karriere. Hinzu kam die Unterstützung der ADAC Stiftung Sport. Dank Poensgens Netzwerk erhielt Roczen schon vor dem Teenageralter Werksunterstützung von Suzuki und machte schnell auch international auf sich aufmerksam. Mit nur zwölf Jahren gewann er 2006 den ADAC MX Junior Cup und wurde ADAC Junior-Motorsportler des Jahres. Im selben Jahr traf Roczen bei den „Mini O’s“ in Florida erstmals auf spätere amerikanische Konkurrenten wie Eli Tomac, Jason Anderson und Justin Barcia.

Vom Frühaufsteiger zum Weltmeister

2007 stieg Roczen bereits auf die große 250ccm-Viertaktmaschine um und fuhr nach ersten Siegen im ADAC MX Youngster Cup auf Rang drei der Meisterschaft, obwohl er körperlich noch sehr klein für das Motorrad wirkte. Ein kurzer Abstecher zurück auf die 85ccm-Suzuki endete mit dem Gewinn der Junioren-Weltmeisterschaft. 2008 wurde er dann mit nur 14 Jahren ADAC MX Youngster Cup-Champion.

Da das Mindestalter für die Weltmeisterschaft bei 15 Jahren lag, musste Roczen bis zu seinem Geburtstag warten, ehe er 2009 in Portugal sein Grand-Prix-Debüt als jüngster GP-Starter der Geschichte geben durfte. Nur vier Rennen später gewann Roczen beim Heim-Grand-Prix in Teutschenthal seinen ersten Grand Prix und wurde damit jüngster GP-Sieger aller Zeiten. Dieser Rekord wurde bis heute nicht gebrochen. Im ADAC MX Masters trat er mit seiner 250ccm-Suzuki gegen hubraumstärkere Motorräder an und wurde erstmals Champion der Königsklasse, nachdem Kornel Nemeth der Titel nachträglich aberkannt worden war.

Auch 2010 war von Erfolgen geprägt und Roczen wurde hinter Marvin Musquin MX2-Vizeweltmeister und verteidigte gleichzeitig seinen Titel im ADAC MX Masters – dieses Mal aus eigener Kraft.

2011 erfolgte der Wechsel ins Red Bull KTM-Werksteam – ein Schritt, der den endgültigen internationalen Durchbruch markierte. Zu Jahresbeginn startete Roczen erstmals bei Rennen der AMA Supercross Lites-Meisterschaft und feierte in Las Vegas seinen ersten Profi-Sieg auf amerikanischem Boden. In der Weltmeisterschaft dominierte er die MX2-Klasse und sorgte beim Heim-Grand Prix in Gaildorf für den krönenden Abschluss: Erster deutscher männlicher Motocross-Weltmeister seit 43 Jahren – und jüngster Weltmeister aller Zeiten.

Vollzeit in die USA

Mit 17 Jahren verlegte Roczen seinen Wohnsitz in die USA, wo er 2012 im amerikanischen Red Bull KTM-Werksteam startete. Seine erste vollständige Supercross-Saison in der 250ccm-Klasse beendete er als Vizemeister. Zum Jahresende erfüllte Roczen den deutschen Motocross-Fans einen weiteren Traum: Gemeinsam mit Max Nagl und Marcus Schiffer gewann er beim Motocross of Nations im belgischen Lommel den Titel mit der deutschen Nationalmannschaft. Zudem wurde Roczen zum ADAC Motorsportler des Jahres gewählt.

2013 gewann Roczen die AMA Supercross Lites Championship der Westküste und stieg 2014 in die 450ccm-Klasse auf. 2015 erfolgte die Rückkehr zu Suzuki in das RCH Suzuki Team, mit dem er 2016 nach einer dominanten Saison den AMA Pro Motocross-Titel gewann. Bei Neun von zwölf Veranstaltungen siegte er, bei den übrigen drei wurde er jeweils Zweiter.

Der Sturz, der Geschichte schrieb

Doch der nächste Abschnitt seiner Karriere wurde von schweren Rückschlägen überschattet. Nach dem Wechsel ins Honda-Werksteam sah Roczen zu Beginn der Saison 2017 bereits wie der sichere AMA-Supercross-Champion aus. Doch nach einem schweren Sturz mit gleich mehreren schweren Armverletzungen stand plötzlich nicht mehr die Frage im Raum, ob er jemals wieder Rennen gewinnen würde – sondern ob sein Arm überhaupt gerettet werden könnte. Was für viele das Karriereende bedeutet hätte, wurde bei Roczen zum Beginn einer der beeindruckendsten Comeback-Geschichten des Sports. Zahlreiche Operationen und eine lange Rehabilitationszeit folgten. Roczen kehrte 2018 eindrucksvoll in den Rennsport zurück. Seine positive Einstellung und sein unerschütterlicher Wille machten ihn weltweit zu einer Inspirationsfigur innerhalb der Motocross-Szene.

Auch in den folgenden Jahren blieb Roczen trotz gesundheitlicher Rückschläge konkurrenzfähig. 2020 gewann er in St. Louis erstmals seit drei Jahren wieder ein AMA-Supercross-Rennen und beantwortete damit die Frage vieler Fans und Insider, ob er jemals wieder gewinnen könne. Nach einer schwierigen Saison 2022 stand er ohne Vertrag da. Nach zahlreichen Tests folgte er seinem Bauchgefühl und entschied sich für einen Neustart im privaten HEP Suzuki Team – obwohl dem Motorrad nachgesagt wurde, technisch nicht mehr konkurrenzfähig zu sein.

Kickstart-Kenny

Roczens Bauchgefühl sollte sich als richtig erweisen. Im Februar 2023 bewies „Kickstart-Kenny“ in Arlington sich selbst und der Welt, dass er weiterhin Rennen in der prestigeträchtigsten Supercross-Serie der Welt gewinnen kann – auch auf einer Suzuki. Nach mehreren Jahren Pause kehrte Roczen ins deutsche MXoN-Team zurück und triumphierte beim Motocross of Nations im französischen Ernée mit dem Sieg in der MXGP-Einzelfahrerwertung.

Daniel Johannes vom Johannes-Bikes Suzuki Team, ein langjähriger Wegbegleiter Roczens, erinnert sich: „Ich war sehr gerührt in Ernée und hatte Ken verraten, dass ich seinen Vater zuvor gefragt hatte, ob Ken noch das Zeug und den Willen hätte, wieder zu gewinnen. Ken nahm mich daraufhin einfach in den Arm und sagte, dass er es selbst zwischenzeitlich nicht mehr gewusst habe.“ Roczen und Suzuki bewiesen: „Yes, we Ken!“

2024 und 2025 zeigte Roczen starke Leistungen, beendete die Saisons jedoch beide verletzungsbedingt nicht. Viele schrieben den Publikumsliebling inzwischen im Titelkampf ab. Um den Titel zu gewinnen, muss man die Saison zu Ende fahren…

Der Traum geht in Erfüllung

Doch 2026 erlebten Fans und Konkurrenten einen Ken Roczen, der scheinbar endlich alle Puzzleteile beisammen hatte. „Natürlich wollen wir alle Meister werden, aber ich habe erkannt, dass ich zunächst andere Hürden überwinden muss“, erklärte Roczen. „Ich konzentrierte mich beim Saisonauftakt in Anaheim nur auf das erste Rennwochenende und nicht auf die gesamte Meisterschaft. Erst wollte ich kleinere Ziele erreichen – ein Podium, einen Sieg, dann einen weiteren Sieg –, um mir selbst zu beweisen, dass ich dazu in der Lage bin, bevor ich mich auf die Meisterschaft konzentriere.“

Selbst mit 31 Punkten Rückstand zur Saisonmitte blieb Roczen ruhig. „Ich wusste, dass ich keinen Spielraum mehr für Fehler und Ausfälle habe, wenn ich um die Meisterschaft mitreden wollte. Und das wollte ich!“ Er verkürzte den Rückstand Schritt für Schritt und übernahm mit dem Sieg in Philadelphia beim drittletzten Rennen die Meisterschaftsführung. Mit nur einem Punkt Vorsprung auf Hunter Lawrence wurde das Finale in Salt Lake City zum Nerventhriller. Roczen übernahm bereits in der zweiten Kurve die Führung und erfüllte sich seinen lang ersehnten Traum: den Gewinn der AMA Supercross-Meisterschaft.

Damit vollendete er eine der größten Comeback-Geschichten der Supercross-Geschichte. Roczen wurde der erste deutsche und erst zweite europäische Champion der Serie nach dem Franzosen Jean-Michel Bayle im Jahr 1991. Gleichzeitig ist er der älteste Titelträger aller Zeiten sowie der erste Supercross-Champion auf Suzuki seit Ryan Dungey im Jahr 2010. Ein interessanter Fakt: Roczen fuhr seine ganze Karriere lang für Red Bull und in der Bekleidung von Fox. Und mit dem Erreichen seines größten Traums auf einer Suzuki schließt sich der Kreis, der einst mit dem „Pakt“ dreier Männer begonnen hatte.

In einer inspirierenden Rede sagte Roczen auf dem Podium: „Auch ich habe Zweifel und Gedanken, die mir Energie rauben. Aber das ist normal. Ich arbeite jeden Tag daran und habe nie aufgehört, an meinen Traum zu glauben. Wenn ihr also einen Traum habt und hart dafür arbeitet, dann könnt auch ihr eure Ziele erreichen“.