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ADAC MX Masters·29.7.2026

Die Fahrwerks-Flüsterer: Auf der Suche nach der idealen Abstimmung

Wenn beim ADAC MX Masters die Motorräder über die Strecke jagen, entscheidet nicht nur der Fahrer über ein hervorragendes Resultat oder den Misserfolg. Ein nicht zu unterschätzender Schlüssel zum Erfolg ist das Fahrwerk. Zwei, die das Zusammenspiel von Gabel, Stoßdämpfer, Fahrer und Motorrad bis ins Detail verstehen, sind Hendrik Nolting von PEPPER Motorsport und Marc Odenthal von ORS Suspension. Zwei Persönlichkeiten aus zwei Generationen mit unterschiedlichem Hintergrund – und dennoch sprechen sie eine gemeinsame Sprache.

Hendrik Nolting gehört zur alten Schule. Seine berufliche Karriere im Motorsport begann er 1988 als Mechaniker von Bert von Zitzewitz zu einer Zeit, als ein Mechaniker noch für das gesamte Motorrad verantwortlich war. Im Anschluss schwang Nolting für Fahrer wie Andi Kanstinger und Bernd Eckenbach die Schraubenschlüssel und krönte seine „Schrauber-Karriere“ mit dem 500 ccm Weltmeister-Titel von Shayne King auf der 360 ccm KTM. Es folgte eine beeindruckende Laufbahn in der Entwicklungsabteilung von KTM und bei WP in Holland. „Ich hatte den Vorteil, dass ich bei KTM und WP sehr viel lernen durfte und alles ausprobieren konnte“, sagt er rückblickend. Genau diese Zeit habe ihn geprägt – das Verständnis für Zusammenhänge, das Experimentieren, das Gefühl für Details.

Ein möglichst gut funktionierendes Fahrwerk ist nicht nur für die Spitzenfahrer des ADAC MX Masters wichtig für den Erfolg © Foto: ADAC

Marc Odenthal hingegen steht für eine neue Generation. Sein Weg begann klassisch über den Sport selbst. Als Kind kam er durch seinen Vater zum Motocross fahren, später war er ambitionierter Amateurfahrer mit vereinzelten Rennen im Rahmen der Deutschen Motocross-Meisterschaft. Der Einstieg in die Fahrwerkswelt kam eher zufällig – und aus eigenem Antrieb. „Ich war ein bisschen unzufrieden mit dem Service der damaligen Fahrwerksleute“, erzählt er. Also fing er an, motiviert und unterstützt durch Jürgen Schulz von S-Tech Racing, selbst an den Fahrwerken zu schrauben, zu testen, zu lernen – zunächst für sich und seinen Bruder, später für immer mehr Fahrer. „Dadurch habe ich viel gelernt, indem ich etwas verändert habe und es dann direkt selbst beim Fahren testen konnte. Das hat für eine steile Lernkurve gesorgt“, erklärt Odenthal.

Was beide verbindet, ist die Leidenschaft. „Wenn du das nicht liebst, machst du das nicht lange“, könnte man ihre Haltung zusammenfassen. Für Odenthal ist es klar: „Wenn die Arbeit sich nicht wie Arbeit anfühlt, dann bist du genau richtig.“

Marc Odenthal und seine Crew von ORS Suspension bei der Arbeit am Rennwochenende © Foto: ADAC
Der Weg zum perfekten Setup

Trotz unterschiedlicher Hintergründe verfolgen beide eine ähnliche Philosophie. Der Weg zum guten Fahrwerk beginnt immer mit den Basics. „Zuerst die Feder, dann die Balance und erst dann die Klicks“, erklärt Nolting seine Herangehensweise. Für ihn ist klar: Ohne die passende Federrate und richtige Fahrzeugbalance macht Feintuning keinen Sinn. Odenthal sieht das ganz ähnlich. Auch für ihn steht am Anfang das Fundament. „Das Allerwichtigste ist mit dem Körpergewicht, das auch abhängig von der Körpergröße ist, die passenden Federn zu ermitteln“, sagt er. Erst wenn das Motorrad in der richtigen „Arbeitsposition“ ist, kann man an Details arbeiten. Beide betonen, dass es keine Standardlösung gibt. Jeder Fahrer ist anders. Nolting vergleicht seine Arbeit mit einem Arztbesuch: „Meine Aufgabe ist es, die richtigen Fragen zu stellen.“ Denn oft können Fahrer ihre Probleme gar nicht konkret benennen. Genau hier beginnt die eigentliche Arbeit der „Fahrwerks-Flüsterer“.

Profi oder Hobbyfahrer? Der Weg ist derselbe

Ein spannender Punkt bei der Suche nach einer guten Fahrwerksabstimmung: Die Herangehensweise unterscheidet sich kaum, egal ob es sich bei den Fahrern um erfahrene Profis, Amateure oder Anfänger handelt. „Das Ergebnis ist unterschiedlich, aber die Vorgehensweise ist gleich“, sagt Nolting. Auch Odenthal bestätigt das: „Die Schritte sind grundsätzlich dieselben.“ Der Unterschied liegt eher im Detail. Profis wissen oft genauer, was sie wollen. Anfänger müssen stärker geführt werden. Doch beide haben denselben Anspruch verdient. Für Odenthal ist das ein zentraler Punkt: „Der Anfänger hat dasselbe Recht auf ein gutes Fahrwerk und denselben Service wie der Profi. Genau das hat mich früher bei anderen Fahrwerkstunern gestört.“

Roan van de Moosdijk wurde 2025 ADAC MX masters-Champion mit Fahrwerken von ORS Suspension © Foto: ADAC
Rennwochenende: Zwischen Shims und Streckenrand

Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, wie intensiv die Arbeit der beiden an einem Rennwochenende ist. Bei Hendrik Nolting beginnt das Wochenende meist am Freitagmittag nach erfolgter Anreise und dem Aufbau seines Servicefahrzeugs. „Dann steht meine Tür offen für alle, die Hilfe brauchen“, beschreibt er. Der Freitag ist vor allem geprägt von Servicearbeiten an Gabeln und Dämpfern seiner Stammkunden, aber auch Fahrern, die er nicht regelmäßig betreut. Der Samstag gehört der Strecke. Nolting steht in der Helferbox, beobachtet Trainings und Rennen und greift ein, wenn nötig. „Wenn Fahrer noch den einen oder anderen Klick verstellt haben wollen, bin ich da.“ Am Sonntag wird es ruhiger – zumindest im Idealfall. „Wenn ich mit den Fahrern und Teams die Hausaufgaben richtig gemacht habe, dann bin ich oft nur noch Feuerwehr“, sagt er mit einem Schmunzeln.

Marc Odenthal beschreibt einen ähnlichen Ablauf. Auch bei ihm beginnt alles freitags nach der Anreise und dem Aufbau mit Service und Abstimmungsgesprächen. „Dann gehst du durchs Fahrerlager, hörst, wie es zuletzt lief, ob es Probleme gab“, erzählt er. Der Samstag ist geprägt von permanenter Anpassung. Klicks verändern, Fahrverhalten analysieren, direkt reagieren. Am Sonntag geht es vor allem um Feinarbeit: „Viel sprechen, viel beobachten, nachstellen – und hoffentlich am Ende mit vielen Fahrern auf dem Podium stehen.“

Hendrik Nolting von Pepper Motorsports berücksichtigt das Motorrad als Ganzes bei der Abstimmung seiner Fahrwerke © Foto: ADAC
Große Namen und starke Teams

Beide haben im Laufe ihrer Karriere bereits mit zahlreichen bekannten Fahrern und Teams gearbeitet und tun das auch heute noch. Hendrik Nolting arbeitet aktuell eng mit dem Sarholz-Team und dessen Fahrern wie Tom Koch oder Noah Ludwig zusammen. Im Nachwuchsbereich betreut er die Söhne der ehemaligen WM-Toppiloten Ben Townley und Josh Coppins. In der Vergangenheit hat er auch schon mit Collin Dugmore und Tanel Leok gearbeitet. Marc Odenthal kann ebenfalls auf eine beeindruckende Liste blicken. Er arbeitet mit Teams wie KTM Kosak Racing, Dörr Motorsport Triumph Racing oder dem SixtySeven Racing-Team zusammen und betreut Fahrer wie Max Nagl, Maximilian Spies, Valentin Kees, Scott Smulders, Jan Krug und das Nachwuchstalent Luca Nierychlo. Henry Jacobi gewann mit Odenthals Fahrwerken 2018 die Meisterschaft im ADAC MX Masters und Camden McLellan wurde Champion im ADAC MX Junior Cup 85. Guillem Farres gewann 2022 mit der ORS-Betreuung den ADAC MX Youngster Cup. McLellan und Farres sind inzwischen Werksfahrer des aktuellen Triumph Racing Factory Teams und kämpfen mit Simon Längenfelder um Grand-Prix-Siege in der MX2-Weltmeisterschaft. Die Fahrwerks-Spezialisten Nolting und Odenthal sind mit ihren Kontakten tief im Fahrerlager des ADAC MX Masters verwurzelt – und tragen ihren Teil zu den Erfolgen der Piloten und Teams bei.

Faszination Motocross

Warum ausgerechnet Motocross? Für Nolting ist es die Komplexität im Zusammenspiel von Fahrer, Team und dem Motorrad samt seinen Bauteilen: „Ein Puzzlespiel, bei dem so viele Teile zusammengehören. Aber wenn die falschen fünf Prozent nicht passen, dann kann es passieren, dass du nicht 95 Prozent eines guten Resultats hast, sondern dir das ganze Kartenhaus zusammenfällt!“ Odenthal fasziniert vor allem die Unberechenbarkeit im Vergleich zum Straßenrennsport. „Die Strecke kann sich von Runde zu Runde komplett verändern“, sagt er. Genau das macht den Sport so anspruchsvoll – und so besonders.

Tom Koch wird über das KTM Sarholz Racing Team über Pepper Motorsports betreut © Foto: ADAC
Motor oder Fahrwerk, was ist wichtiger?

Beide müssen auf die Frage lachen und sagen „da würden wir uns ja ins eigene Fleisch schneiden, wenn wir jetzt mit Motor antworten“, und Nolting ergänzt dann ernst: „Ich bin der Meinung, dass du mit einem Serienmotor problemlos Deutscher Meister werden kannst. Mit einem Serienfahrwerk ohne persönliche Abstimmung wird es da schon schwieriger.“ Nolting ist auch froh, dass er das Motorrad als Ganzes versteht und weiß, wie die Dinge zusammenhängen. „Es funktioniert ja nie das eine oder das andere. Ein aggressiver Motor kann großen Einfluss auf das Fahrwerk haben. Wenn du als reiner Fahrwerkspezialist ohne irgendeinen Plan von Motoren an die Abstimmung gehst, kommst du teilweise auch an deine Grenzen“. Auch Odenthal sieht das so: „Eine 450er aus der Kiste hat heutzutage schon so viel Leistung, die man dann ja auch über das Fahrwerk und die Reifen auf den Boden bekommen muss, deswegen ist auf jeden Fall das Fahrwerk viel wichtiger.“

Zwei Ansätze – ein Ergebnis

Der vielleicht größte Unterschied zwischen den zwei Fahrwerks-Flüsterern liegt im Stil. Nolting vertraut stark auf seine Erfahrung und Intuition. Jahrzehnte im Sport haben ihm ein Gefühl gegeben, das sich kaum in Zahlen ausdrücken lässt. Odenthal hingegen arbeitet vielleicht noch etwas strukturierter, dokumentiert viel und geht systematischer vor. Gleichzeitig betont er: „Am Ende zählt immer noch das Gefühl des Fahrers.“ Beide Wege führen zum gleichen Ziel: ein Motorrad, das möglichst perfekt zum Fahrer passt.

Tipps von Hendrik Nolting

„Erst die Basics, dann die Details“, ist seine klare Devise. Die richtige Federrate und eine saubere Balance sind die Grundlage für alles. Wer hier falsch liegt, wird mit Klicks keine Wunder erreichen. Wichtig ist außerdem, Änderungen systematisch vorzunehmen. „Nicht zu viele Sachen auf einmal verändern.“ Ein häufiger Fehler ist für ihn, Geld in optisches Tuning zu stecken, statt in die Funktion. „Schicke Teile machen dich nicht schneller.“ Ebenso kritisch sieht er mangelnde Wartung. Regelmäßiger Service – etwa alle 25 bis 35 Stunden – sei entscheidend, um das Fahrwerk konstant auf gutem Niveau zu halten.

Max Nagl arbeitet seit 2026 mit ORS Suspension zusammen und machte dadurch weitere Fortschritte © Foto: ADAC
Tipps von Marc Odenthal

Für Odenthal beginnt alles mit Pflege. „Sauber halten, regelmäßig warten – das ist das A und O.“ Gerade Schmutz und mangelnde Wartung können die Funktion massiv beeinträchtigen. Ebenso wichtig ist für ihn der richtige Durchhang und passende Federn. Ohne diese Basis funktioniert kein Setup. Darüber hinaus weist er auf oft vernachlässigte Punkte hin: Umlenkung, Lager und Dichtungen müssen in gutem Zustand sein, sonst hilft auch das beste Fahrwerk nichts. Sein wichtigster Grundsatz: „Das Motorrad muss zu dir passen – nicht zu jemand anderem.“