Foto: ADAC GT Masters
Foto: ADAC GT Masters

Ken Roczen ist Weltmeister

Die letzten beiden Runden waren die längsten meines Lebens

Ken Roczen ist der erste deutsche Motocross-Weltmeister seit 43 Jahren.

Er tritt damit in die Fußstapfen von Paul Friedrichs. Der MC Dynamo Erfurt-Pilot sicherte sich letztmals 1968 einen WM-Titel. Insgesamt war Friedrichs dreifacher Titelträger in der 500 ccm-Klasse und war bis heute der einzige Motocross-Weltmeister Deutschlands.

Jetzt hat Motocross-Deutschland einen neuen Helden. Einen sympathischen jungen Ausnahmesportler, der das Unmögliche möglich gemacht hat. "Das ist total verrückt, ich bin total gerührt. Ich habe geweint wie ein Baby", sagt Roczen. Jetzt versuche er sich zu beruhigen und sich auf den letzten WM-Lauf im italienischen Fermo zu konzentrieren.

"Das ist natürlich der schönste Moment in meiner Karriere. Es ist ein tolles Gefühl, im eigenen Land Weltmeister zu werden. Das ist das Beste was einem passieren kann." Er habe in dieser Saison viele Hochs und Tiefs gehabt, aber dieser Moment heute sei der absolute Höhepunkt. In den letzten Runden des zweiten Durchgangs sei ihm so viel durch den Kopf gegangen. "Ich wollte keinen Fehler machen und möglichst wenig an den Weltmeistertitel denken. Als ich dann aber über die Ziellinie gefahren bin, ist alles über mich hereingebrochen."

Roczen war aber nicht der einzige, den Emotionen übermannten. 22.000 Fans - ein Besucherrekord für den MSC Gaildorf - waren am Wochenende bei hochsommerlichem Wetter ins Schwäbische gekommen, um die deutschen Fahrer anzufeuern. Und nicht wenigen standen Tränen in den Augen als feststand, dass Roczen sich vorzeitig den Weltmeistertitel in der MX2-WM gesichert hat. Der Kampf um diesen Titel war ein wahrer Motocross-Krimi und wäre wohl ohne die unbeabsichtigte Schützenhilfe des britischen Piloten Tommy Searle nicht möglich gewesen. Dessen Sieg im zweiten Durchgang kostete Roczens härtestem Konkurrenten Jeffrey Herlings aus den Niederlanden nämlich den entscheidenden Punkt.

Im ersten Lauf war Roczen Erster vor Searle und dem Schweizer Arnaud Tonus. Herlings wurde Fünfter und verlor damit im Titelrennen wertvolle neun Zähler. In der zweiten Runde aber dominierte der Niederländer das Rennen und die Hoffnungen auf einen vorzeitigen WM-Titel für Roczen schienen ausgeträumt. Hätte Herlings das Rennen gewonnen, hätte Roczen ein Zähler auf den vorzeitigen WM-Titel gefehlt. Durch Searles Abschneiden war diese Gefahr allerdings gebannt. Der Engländer freut sich für Roczen: "Ich hatte wohl noch nie so viele deutsche Fans. Ich fühlte mich, als wäre ich der deutsche Star. Ken Roczen hat diesen Titel mehr als verdient."

Searle sicherte sich mit einem zweiten und einem ersten Platz auch die MX2-Tageswertung des "Großen Preis von Europa" vor Ken Roczen (Platz 1 und 3) und Jeffrey Herlings (Platz 5 und 2). Dennis Baudrexl, der einzige weitere Deutsche neben Roczen in dieser Klasse, wurde insgesamt 24. Roczens Weltmeister-Titel war aber nicht der einzige, der an diesem Wochenende in Gaildorf vergeben wurde. Der Italiener Antonio Cairoli wurde ebenfalls vorzeitig zum Weltmeister in der Königsklasse MX1 gekrönt. Er ist damit fünfacher Motocross-Weltmeister - zwei Mal in der MX2 und drei Mal in Folge in der MX1. Die Tageswertung in Gaildorf allerdings gewann der Russe Evgeny Bobryshev vor dem Franzosen Xavier Boog und Antonio Cairoli. Der Deutsche Max Nagl wurde Gesamt-Siebter und steht damit im WM-Klassement weiterhin auf Position vier. Nagl hat damit beste Chancen, sich beim letzten WM-Lauf im italienischen Fermo am kommenden Wochenende noch Platz drei im Gesamtklassement zu sichern.

Die weiteren deutschen Piloten in der MX1-Klasse, Marcus Schiffer aus Frechen/ Nordrhein-Westfalen, sowie die schwäbischen Lokalmatadoren Maik Schaller aus Rudersberg, Skatty Bihlmaier aus Gaildorf und Jens Voss aus Rosengarten platzierten sich auf Rang 11, 31, 32 bzw. 34. Für Marcus Schiffer war der GP in Gaildorf eine Bestätigung, dass er wieder zu alter Form zurück findet. "Ich kann langsam wieder an meine Top-Ergebnisse anknüpfen und bin sehr zufrieden mit diesem Wochenende." In Fermo wolle er dieses Level halten und beim ADAC MX Masters-Finale in Holzgerlingen Ende September möchte er sich den Titel des Internationalen Deutschen Meisters sichern.

In der EMX2 dürfen die Franzosen einen Dreifach-Triumph feiern. Der Franzose Romain Febvre sicherte sich den Titel des Europa-Meisters vor seinen Landsmännern Dylan Ferrandis und Charles Lefrancois. Bester Deutscher wurde Dennis Ullrich aus Rammingen auf Platz elf.

In der Veteranen-Klasse fiel bereits am gestrigen Samstag die Entscheidung in der Welt-Meisterschaft. Den Titel in dieser Klasse holte sich der Belgier Pascal Bal vor dem Briten Philip Mercer und dem Spanier Alfredo Camps. Bester Deutscher in der Meisterschaft ist Stefan Dirnhofer aus Krün auf Rang 26.

Stimmen zum "Großen Preis von Europa"

Ralph Schweda, Vorsitzender des MSC Gaildorf: "Jeder Skepsis zum Trotz haben wir eine Veranstaltung auf die Beine gestellt, die Ihresgleichen sucht. Alles hat gepasst, wir sind super zufrieden und freuen uns über den Besucherrekord und die vier Meistertitel. Das Sahnehäubchen ist natürlich der MX2-Weltmeistertitel von Ken Roczen. Es ist ein Traum, dass hier in Gaildorf gleich vier Entscheidungen gefallen sind. Es wurde Motocross-Geschichte geschrieben. Jetzt werden wir die Veranstaltung Revue passieren lassen, 2012 wird es aber keinen WM-Lauf geben. Wir richten im kommenden Jahr das ADAC MX Masters aus, sind aber positiv gestimmt was einen weiteren WM-Lauf eventuell 2013 angeht. 2013 veranstalten wir unser 50. Motocross-Rennen und so eine WM könnte das Rennen zu etwas Besonderem machen. Wir gratulieren Ken Roczen zu seinem Weltmeister-Titel und freuen uns mit ihm. Er hat uns an diesem Wochenende Gänsehaut beschert."

Marcus Schiffer, MX1 WM-Pilot aus Frechen: "Was besseres als Ken Roczens Weltmeister-Titel kann dem deutschen Motocross-Sport nicht passieren. Ich habe mit Ken gezittert, ich hatte Gänsehaut und Herzklopfen und habe am Ende auf Tommy gehofft."

Björn Brüggemann, Motorsportmanagement Red Bull Deutschland: "Das war für uns natürlich extrem spannend und der Wahnsinn, dass Ken Roczen daheim vor eigenem Publikum diesen Titel holt. So emotional haben wir Ken noch nie gesehen. Ken hat uns oft schon überrascht und das ist ihm auch heute gelungen. Wir werden ihn weiter unterstützen, auch wenn er jetzt in die USA geht. Helmut Wahl wird dort mit ausgebreiteten Armen auf ihn warten. Der Kreis schließt sich damit wieder, denn Wahl hat Ken Roczen damals zu Red Bull geholt. Heute gibt es noch ein kleines BBQ, groß gefeiert wird aber erst beim WM-Finale in Fermo am kommenden Wochenende."

Text: Marion Englert, Foto: Mathias Schwarz