Neu gewürfelt: ServusTV-Experte Alex Hofmann diskutiert die völlig veränderte WM-Situation Foto: ServusTV/Neumayer/Leo
Neu gewürfelt: ServusTV-Experte Alex Hofmann diskutiert die völlig veränderte WM-Situation Foto: ServusTV/Neumayer/Leo

MotoGP 2020 - Durch die Brille der Experten (3)

Die ServusTV-Kolume blickt voraus auf den bevorstehenden Triple-Header der MotoGP

Vor dem GP von Tschechien spricht Alex Hofmann, MotoGP-Experte bei ServusTV, über das Pech des Titelverteidigers und die völlig offene Weltmeisterschaft.

Mit Brünn und dem Spielberg-Doppel stehen drei Rennwochenenden in Folge bevor und die Fahrer freuen sich drauf, nach den äquatorialen Temperaturen zum Start in klimamäßig normale Gefilde zu kommen. Auch in Brünn kann es im August sehr heiß werden, im Vergleich zu Jerez wird es sich aber wie eine Abkühlung anfühlen. Nichtsdestotrotz ist bei diesem dichten Programm Kraft sparen angesagt. Man muss die Rennen mental dementsprechend angehen, im Qualifying eventuell etwas weniger Energie aufwenden und das Risiko dann eingehen, wenn es sich tatsächlich lohnt.

Selbst ohne Jerez-Punkte hätte ich Marc Márquez bis Montag noch sehr reelle Titelchancen eingeräumt. Die neuerliche Operation ändert aber die gesamte Situation. Bei derzeitigem Stand muss man davon ausgehen, dass der Weltmeister die nächsten drei Rennen fehlen wird. Für Marc ist dies ein Riesenrückschlag. Wenn solche Platten erst einmal drinnen sind und man sie schnell wieder belastet, entsteht ein doppelter Schaden - das kenne ich von mir selber.

In Jerez um jeden Preis zu schauen, was geht, war halt dann doch zu schnell, zu früh, zu viel. Dafür lieben wir ihn andererseits, Márquez ist kompromissloser und härter zu sich selbst als jeder andere. Dennoch sollte er wohl jetzt die WM innerlich abhaken. Sein Vertrag mit Honda läuft noch bis 2024, bis dahin kann dieses Paket noch sehr, sehr viel gewinnen.

Die neue Ausgangslage macht die Weltmeisterschaft spannend wie nie, nur leider aus anderen Gründen als erhofft. Vor allem im mentalen Bereich ändert sich einiges. Das Pech von Márquez eröffnet den anderen Fahrer die ganz große Chance. Von der Papierform her zeichnet sich ein Dreikampf zwischen Fabio Quartararo, Maverick Viñales und Andrea Dovizioso ab. Doch würde ich andere Fahrer im Titelrennen nicht außer Acht lassen.

Quartararo hat sich mit den zwei Jerez-Siegen in die Position eines Titelkandidaten gedrängt. Die Strecke liegt ihm allerdings auch, schon letztes Jahr hätte er dort ohne technischen Defekt - und wenn Marc gefehlt hätte - gewonnen. In Brünn lief es 2019 jedoch nicht nach Wunsch. Der Masaryk-Ring ist wie der Red Bull Ring eine Powerstrecke und Leistung gilt nicht unbedingt als große Stärke der Yamaha. Wenn du andererseits einmal gespürt hast, alle anderen schlagen zu können, geht oft der Knopf auf.

Für Andrea Dovizioso ist das Podium in Tschechien absolut machbar, in Österreich muss er zweimal auf Sieg fahren. Und spätestens dann ist er voll im Spiel um den WM-Titel. Im Hintergrund läuft aber ein Machtkampf mit Ducati, ein neuer Vertrag ist noch nicht unterschrieben. Solche Dinge sind nicht förderlich, in Jerez hat im zweiten Rennen dann die Konstanz gefehlt.

Mit zwei zweiten Plätzen konnte Maverick Viñales in Jerez zwar wertvolle Punkte einfahren, dennoch glaube ich, dass er enttäuscht ist. 2020 müsste eigentlich sein Jahr sein. Bei den Wintertests war er ganz vorne, bei Yamaha ist er endlich die Nummer eins, und jetzt muss er zusehen, wie Quartararo auf der Kunden-Yamaha mit einem Lächeln rechts ausschert. Trotzdem dürfte der Spanier über die Konstanz gefährlich werden. Und in Brünn wäre es für ihn wichtig, den Franzosen in die Schranken zu weisen.

Insgesamt sind sehr viele Piloten technisch und fahrerisch eng beisammen. So mischte beim Auftakt in Jerez plötzlich ein Jack Miller an der Spitze mit, am zweiten Jerez-Wochenende war es Pecco Bagnaia, der nur von einem Defekt gestoppt werden konnte. Und selbst Valentino Rossi muss man nennen, wenn es um die WM geht. Zwar fiel der Doktor beim Saisonstart aus, einen Nuller kann man sich über das ganze Jahr aber vermutlich leisten.

Und dann wäre da noch Marc Márquez, der auch ohne WM-Chance wöchentlich auf Sieg fahren und den Laden durcheinander wirbeln wird, sobald er wieder da ist. Die ganze Auflösung, wie es mit dem achtfachen Weltmeister weitergeht, gibt es selbstverständlich bei den ServusTV-Live-Übertragungen am Wochenende aus Brünn.

Zur Person:
Alex Hofmann ist ehemaliger deutscher Motorradrennfahrer und TV-Moderator. In der MotoGP-Saison 2020 ist er wieder als Experte und Kommentator für ServusTV live im Einsatz.

Saison 2020