ServusTV-Experte Stefan Bradl blickt voraus auf den Großen Preis von San Marino Foto: ServusTV/Neumayer/Leo
ServusTV-Experte Stefan Bradl blickt voraus auf den Großen Preis von San Marino Foto: ServusTV/Neumayer/Leo

MotoGP 2019 - Durch die Brille der Experten (6)

ServusTV-Kolumne blickt hinter die Kulissen der MotoGP-Saison 2019

Vor dem Großen Preis von San Marino spricht Stefan Bradl, MotoGP-Experte bei ServusTV, über Valentino Rossis Heimrennen und die Dominanz von Marc Márquez.

Nach drei Wochen Pause findet die Weltmeisterschaft im Wohnzimmer von Valentino Rossi ihre Fortsetzung. Denn der Große Preis von San Marino wird in Misano ausgetragen, nur acht Kilometer Luftlinie von seiner Heimat Tavullia entfernt. Die Stimmung auf der kompakten, engen Anlage ist dementsprechend bombastisch, nach dem Rennen strömen die Tifosi die Strecke und verwandeln das Gelände in ein italienisches Casino.

Rossi habe ich diesmal auch ein bisschen auf dem Zettel. Dass auf der langsamen, winkeligen Strecke nicht so sehr die Motorleistung gefragt ist, kommt Yamaha entgegen und bei den Misano-Tests Ende August war man auch flott unterwegs. Mit der ein ähnliches Konzept verfolgenden Suzuki und Álex Rins wird ebenfalls zu rechnen sein. Der Spanier hat mit dem Sieg in Silverstone bewiesen, dass er sehr nah dran ist. Im Vergleich verfügt Yamaha dennoch über mehr Erfahrung und Ressourcen und nach zwei Jahren des Schwächelns konnte man nun wieder aufholen. Mit Fabio Quartararo und Maverick Viñales erwartet den Doktor zudem Konkurrenz im eigenen Haus, vor allem der hochmotivierte Franzose ist ein ganz heißes Eisen im Feuer.

Auch ich war bei den Tests nach dem Silverstone-Wochenende dabei. Honda ist da leider ein bissl gestrauchelt, doch gilt Misano nicht unbedingt als Honda-Strecke. Das Motorrad hat die Tendenz zu einem härteren Vorderrad und gerade Misano ist für den Vorderreifen sehr, sehr anspruchsvoll, was die Fahrer wiederum zwingt, mehr Risiko zu nehmen. Eine große Veränderung konnte ich an der Strecke gegenüber den letzten Jahren indes nicht feststellen. Im September kann es in Misano noch richtig heiß werden, dann wird es etwas schmierig und rutschig, sonst ist der Grip dort eigentlich recht gut.

Dass Marc Márquez bei den letzten zwei Rennen jeweils auf den letzten Metern überholt wurde, gefällt ihm sicher nicht. Gleichzeitig ist ihm bewusst, dass er nicht immer gewinnen kann und mit der Weltmeisterschaft im Hinterkopf wird er auch kein unnötiges Risiko eingehen. Die Ergebnisse von Spielberg und Silverstone dürften aber Ansporn genug sein, es in Misano besser zu machen, sein Ehrgeiz ist jedenfalls stets super hoch und die Bilanz spricht ohnehin für sich: Bis auf den Ausfall in Texas war Márquez in jedem Rennen in den Top 2, deshalb ist er auch diesmal Favorit Nummer eins auf den Sieg.

Ob Regen, Mischverhältnisse oder Trockenrennen: Die Konkurrenz muss anerkennen, dass es keine Situation gibt, die der Spanier nicht beherrscht. Seine Dominanz mag vielleicht beängstigend sein, aber auch Motivation zugleich - gerade für junge Fahrer wie Quartararo und Joan Mir, die noch an Erfahrung dazugewinnen werden. Generell haben die letzten Rennen gezeigt, wie die Dichte in der MotoGP immer größer wird und alles enger zusammenrückt. Und Márquez weiß, dass auch andere Zeiten kommen werden, etwa bei der Einführung neuer Regeln oder wenn Honda nicht mehr so dominant ist.

Stefan Bradl ist MotoGP-Testfahrer bei Honda und TV-Kommentator. In dieser MotoGP-Saison analysiert der deutsche Moto2-Weltmeister 2011 wieder als Experte für ServusTV die Rennen live aus der Boxengasse.

Saison 2020