Erik Riss ließ sich seinen zweiten Weltmeister-Titel nach 2014 nicht mehr nehmen
© ADAC Bahnsport Erik Riss ließ sich seinen zweiten Weltmeister-Titel nach 2014 nicht mehr nehmen Foto: ADAC Bahnsport

Cooler Sohn nimmt die Spur des Vaters auf

Über 8000 Zuschauer im Reiterwaldstadion

Cooler Sohn nimmt die Spur des Vaters auf

WM-Finale in Vechta: Erik Riss freut sich zur Halbzeit fünf Minuten über den Titel und rast weiter zum Maximum.

Ein Fußballspiel dauert 90 Minuten, ein WM-Finale auf der Langbahn 18 Läufe. Aber schon nach dem Start des neunten Laufes, also noch vor der Halbzeit, streiften die Helfer und Freunde von Erik Riss neben der Brücke beim Fahrerlager ihre weißen T-Shirts mit der riesigen goldenen "1" und diesem Schriftzug über: "Riss - Longtrack Worldchampion 2016." Für sie war das Spiel gelaufen: Als Erik Riss, der am Dienstag gerade mal 21 Jahre alt geworden war, als Erster aus der Startkurve schoss und den holländischen Titelverteidiger Jannick de Jong hinter sich gelassen hatte, ließ er sich seinen zweiten Weltmeister-Titel nach 2014 nicht mehr nehmen: Weit vor dem Zieleinlauf riss er sein Motorrad hoch und flog auf dem Hinterrad durchs Ziel - auch getragen von den über 8000 Fans im proppenvollen Vechtaer Reiterwaldstadion.

Für Erik Riss, den Sohn des achtfachen Rekordweltmeisters Gerd Riss (Bad Wurzach) war das Spiel da noch nicht beendet. Er musste noch fünfmal wieder auf die Sandpiste - und gewann von den Starts weg alle Läufe, sodass er den 5. und letzten WM-Grand-Prix 2016 mit dem Maximum von 28 Punkten gewann. "Als der Titel perfekt war, herrschte fünf Minuten Freude, danach habe ich mich wieder auf die Läufe fokussiert. Ich bin es wie jedes Rennen angegangen, will immer gewinnen. Und ich wollte in des Saison unbedingt noch meinen ersten Grand Prix mit dem Maximum gewinnen", erklärte Riss, der in Vechta die Erfolgsspur seines Vaters aufnahm - der hatte seine letzten beiden Titel 2008 und 2009 ebenfalls in Vechta geholt.

Angesichts des Vorsprungs von 16 Punkten vor dem Finale in Vechta herrschte im Riss-Lager ohnehin große Zuversicht, sonst hätten sie die T-Shirts nicht vorab bedrucken lassen. "Meine Crew war sich ziemlich sicher. Ich habe schon vor der Saison gesagt, dass ich mir den Titel wiederholen will. Dafür haben die Jungs alles getan. Natürlich kann immer was dazwischen kommen, etwa von der Technik hat. Aber ich weiß, was ich auf der Maschine kann", sagte der neue Weltmeister. Zuvor hatte er seine absolute Überlegenheit eindrucksvoll demonstriert.

Mit Kopfhörer und eigener Musik verfolgte er neben der Brücke beim Fahrerlager die Rennen seiner Konkurrenten, ging dann runter auf die Bahn, stieg aufs Motorrad und zog anschließend völlig unaufgeregt seinen Bahnen. Eine coole Socke. "Herr Riss, Sie haben hier viele neue Fans gewonnen", versicherte Vechtas Bürgermeister Helmut Gels bei der Siegerehrung. Wohl wahr: Um 22.50 Uhr war das WM-Finale, das Gels als "besonderes Ereignis für die Stadt Vechta" lobte, pünktlich beendet, eine Viertelstunde vor Mitternacht schrieb Erik Riss in seinem Zelt noch Autogramme auf T-Shirts von kleinen Fans und machte gelassen Selfies mit Groß und Klein.

Goldenes Hufeisen, ADAC-Goldhelm, Champions-League-Trophäe, WM-Goldmedaille und zwei Siegerkränze: Schwer bepackt kehrte er heim, nachdem er zuvor von seiner Mutter geherzt worden war. Zu den ersten Gratulanten gehörte sein Vorgänger und auch im Reiterwaldstadion ärgster Widersacher. "Wenn alles normal läuft. . .", hatte Jannick de Jong im Vorfeld im OV-Interview gesagt. "Ja, es ist normal gelaufen. Erik war sehr stark, er ist die ganze Saison stark gefahren", verteilte der 29-jährige Holländer ein Lob an den Konkurrenten. Er selbst strahlte ebenfalls übers ganze Gesicht, auf dem Motorrad stehend fuhr er nach dem Tagesfinale eine Ehrenrunde und jubelte den Fans zu. "Ich bin froh über die Vizemeisterschaft. Es ist nicht einfach, vier Jahre hintereinander auf dem Treppchen stehen zu können, das braucht viel Arbeit. Und es war mühsam heute", meinte Jannick de Jong.

Entspannen durfte zu da auch Ludger Spils, der Klubchef des AC Vechta. "Mensch Ludger, du kannst ruhig mal lächeln", sagte ein Fan zu ihm während der Halbfinals. "Nicht, bevor der letzte Lauf vorbei ist. Ich hab' schon so viel erlebt", entgegnete der 73-Jährige. Bei der Siegerehrung war der Stress aber abgebaut: "Wir haben alles versucht und alles erreicht."

Und nach diesem herrlichen Sommerabend gab's zudem dicke Komplimente von höchster Stelle. Armando Castagna, der Präsident des Bahnsports CCP innerhalb der Motorsportweltverbandes FIM, war extra aus Italien angereist. "Ich bin sehr beeindruckt von der Veranstaltung. Es herrscht hier eine prächtige Atmosphäre - mit dem Stadion, mit den vielen Zuschauern. Und auch die Organisation ist top", sagte der 52-jährige Italiener. Und er blickt bereits in die nahe Zukunft: "Ich denke, wir müssen hier im nächsten Jahr wieder einen WM-Grand-Prix fahren." Castagna selbst kommt aus dem Bahnsport. "Ich bin selbst zweimal in Vechta gefahren, so um 1989. Es hat sich hier viel zum Positiven verändert. Damals war hier noch eine Grasbahn. Und da hinten im Innenfeld standen Bäume."

Heute ist Sandbahn mit Flutlicht. Und ein WM-Spiel dauert nicht mal eine Halbzeit - dafür mit spannender Zugabe.

AM RANDE NOTIERT

Erster Applaus nach Lohne
Bevor die WM-Läufe starteten, gab's gleich doppelten Applaus für Lohne. Heike Bruns sang die Nationalhymne - a cappella, also ohne Begleitung. Ein beeindruckender Einstieg in den stimmungsvollen Abend. Direkt danach trieben die johlenden Zuschauer Stephan Krieger zur Höchstleistung: Seine Freunde, alles Speedwayfans, hatten ihn zum Junggesellenabschied mit blonder Perücke und in rosa Kleidchen auf eine Runde mit dem Fahrrad geschickt. Völlig ausgepumpt fuhr er durchs Ziel - in schnellen 26,12 km/h.

Pfeilschneller Fienhage
In einer eigenen Liga fuhr Brockdorfs Lukas Fienhage, der mit Maximum die nationale B-Lizenz gewann, obwohl der zweitplatzierte Philipp Schmuttermayr gerade den DM-Titel der B-Lizenz gewonnen hat. "Ich fühlte mich heute unheimlich schnell", strahlte der der gerade 17 Jahre alt gewordene Azubi der Firma Syntech (Steinfeld). 90,6 km/h lautete sein Tempo im letzten Lauf. Die Sieger der WM-Läufe lagen zwischen 90 und 93 km/h, Jannick de Jong gewann des zweite Halbfinale in 89,8 km/h. "Du wirst hier mal den WM-Grand-Prix fahren", sagte Rennleiter Josef Huckelmann.

Viel zu viel Übermut
Michael Härtel (Dingolfing), vor einem Jahr als 17-Jähriger der Überraschungssieger in Vechta, legte mit der Wildcard glänzend los, übertrieb es dann und wollte es mit der Brechstange. Nach starker Aufholjagd in seinem Lauf 3 riss er eingangs der Schlussrunde den führenden Richard Hall in den Sand, in Lauf 4 knallte er bei seiner Jagd dem zweitplatzierten Mathieu Tresarrieu ins Hinterrad. Zwei Disqualifikationen: Gefrustet meldete sich Härtel vom Rennen ab. Tresarrieu stürzte gerade noch in die Airfence, sonst wäre mehr passiert. Mit einem Handgelenksbruch kam der Franzose ins Krankenhaus - und konnte bei der Siegerehrung sein WM-Bronze, das er wegen der Verletzung fast verloren hätte, nicht mehr abholen.